Montag, 1. März 2021

Sündigen macht Spaß

Dr. Schräg am Apparat. Psychologe! Was kann ich für Sie tun?

Anruferin: Guten Abend! Entschuldigen Sie die späte Störung. Ich habe viele Fragen an Sie und vielleicht ….

Dr. Schräg: Das geht schon in Ordnung. Bitte fragen Sie.

Anruferin: Macht Ihnen eigentlich Spaß, was Sie da machen?

Dr. Schräg: Nun ja, es kommt darauf an.

Anruferin: Wie meinen Sie das?

Dr. Schräg: Manche Anrufer tun sich schwer damit, einem fremden Menschen ihre Sorgen und Nöte anzuvertrauen. Das kann manchmal sehr frustierend sein und erfordert viel Geduld meinerseits. Andere wiederum kommen gleich zur Sache und sind offen für einen guten Rat. Dann macht es natürlich mehr Spaß.

Anruferin: Dann sind Sie wohl auch 'ne Art Beichtvater.



Dr. Schräg: In gewisser Weise stimmt das. Ich höre ja oft von Verfehlungen der unterschiedlichsten Art. Eine Absolution kann ich natürlich nicht erteilen.

Anruferin: Wo kämen wir auch hin, wenn man nur jemand anzurufen braucht, dem man von seinen Sünden erzählt und das war's. Angst vor Strafe? Fehlanzeige!

Dr. Schräg: Es gibt aber auch viele Menschen, die wollen gar keine Absolution.

Anruferin: Haben die denn überhaupt kein schlechtes Gewissen?

Dr. Schräg: Offenbar nicht. Sündigen kann ja auch Spaß machen.

Anruferin: Da ist was dran..

Dr. Schräg: Abgesehen von den wirklich schweren Verfehlungen, wie zum Beispiel Tauben vergiften oder etwas im Internet veröffentlichen, das kein Mensch lesen will, gibt es Sünden, die zwar niemand schaden, aber aus ethischen und moralischen Gründen von vielen Zeitgenossen dennoch als verwerflich angesehen werden.

Anruferin: Stimmt! Was machen Sie eigentlich gerade? Sind Sie noch in Ihrer Praxis?

Dr. Schräg: Nein. Ich sitze gemütlich zuhause in meinem bequemsten Sessel, trinke meinen Lieblingswein, eine Flasche "Kummersberger Trockenbeerenauslese", Jahrgang '79, und plaudere ganz entspannt mit Ihnen. Sie haben übrigens eine sehr sympathische Stimme. Sie klingt … wie soll ich sagen … anregend. Man ist versucht, mehr von sich zu erzählen …

Anruferin: Das hat mir bisher noch niemand gesagt. Bitte sprechen Sie weiter!

Dr. Schräg: Ich bekomme oft Dinge zu hören, die eine Frau selbst ihrer besten Freundin nicht erzählen würde. Auch Männer nehmen mir gegenüber kein Blatt vor den Mund und sogar die Schüchternen unter den Anrufern haben nach einer gewissen Zeit keine Hemmumgen, mir alles über sich zu erzählen, wenn man ihnen das Gefühl der Anteilnahme vermittelt.

Anruferin: Jetzt verstehe ich. Sie bringen die Menschen auf raffinierte Weise dazu, über ihre intimsten Geheimnisse zu sprechen und dann veröffentlichen Sie das ohne Gewissensbisse in Ihrem sogenannten Protokoll Wort für Wort. Pfui Teufel!

Dr. Schräg: Nein, nein, das stimmt so nicht, das sehen Sie falsch! Die Anrufer werden von mir grundsätzlich nicht nach ihrem Namen gefragt und auch nicht nach ihrem Alter oder der Adresse. Anonymität heißt das Zauberwort.

Anruferin: Dann bin ich beruhigt.

Dr. Schräg: Es macht einfach Spaß, wenn die Anrufer aus sich herausgehen und mir ihre Probleme offen und vertrauensvoll schildern. Am spannendsten wird es für mich natürlich immer dann, wenn sie mir von ihren Sünden erzählen.

Anruferin: Sie geilen sich daran auf, stimmt's?

Dr. Schräg: So krass würde ich das nicht formulieren. Aber da fällt mir übrigens wieder etwas ein. Zu Beginn unseres Gespräches habe ich Sie doch gefragt, was ich für Sie tun kann und Sie antworteten, dass Sie viele Fragen an mich hätten. Haben Sie auch gesündigt?

Anruferin: Da muss ich Sie leider enttäuschen. Außerdem weiß ich jetzt, was ich wissen wollte.

Dr. Schräg: Schade!

Anruferin: Ach übrigens, ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt. Ich heiße Barbara Petersen und arbeite beim Finanzamt Hamburg Mittte, Abteilung Öffentlichkeitsarbeit. Ich rufe im Rahmen eines Forschungsprojektes der hiesigen Oberfinanzdirektion an. Es geht um die Verbesserung des leider immer noch gestörten Verhältnisses zwischen steuerpflichtigen Bürgern und ihrem zuständigen Finanzamt.  

Dr. Schräg: Das klingt ja sehr interessant. Hat unser Gespräch Ihnen weitergeholfen?

Anruferin: Sie haben mir wertvolle Anregungen gegeben. Vielen Dank!

Dr. Schräg: Gern geschehen. Berichten Sie mir doch gelegentlich über das Projekt. Ich stehe Ihnen jederzeit mit Rat und Tat zur Verfügung. Vielleicht hat ja auch der eine oder andere Mitarbeiter Ihrer Behörde das Bedürfnis …

Anruferin: Danke für das freundliche Angebot. Ich komme zu gegebener Zeit darauf zurück. Auf Wiederhören!

Dr. Schräg: Auf Wiederhören!

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