Satire

 

Kalte Wangen, heiße Zangen
Die etwas andere Art der Goldgewinnung.
 
An diesem nebligen und nasskalten Novembertag waren es 74 Jahre, 9 Monate und 27 Tage her, dass ein besonders energischer Samenfaden eines menschlichen Männchens sich in die eher passive Eizelle eines Weibchens bohrte. Nach kurzer Zeit verursachte dieser „Überfall“ eine enorme Zellteilung, die ihren Höhepunkt und vorläufigen Abschluss heute vor genau 74 Jahren durch eine so genannte Zangengeburt erreichte. Von diesem so praktischen Instrument wird auch gegen Ende dieser kleinen Geschichte noch einmal berichtet, dann allerdings von erheblich schmerzhafteren Begleitumständen für den Betroffenen.
Das Produkt all dieser Bemühungen, Johann K., lag auf der Krankenstation eines jener Altenheime, in denen vorwiegend nach der Devise: "Sauber, satt und still" im Umgang mit den bedauernswerten Insassen gehandelt wird. Herr K. hatte von Nachtschwester Ingeborg als Geburtstagsgeschenk eine Morphiumspritze bekommen und dämmerte nun relativ ruhig vor sich hin. Sein baldiger Abschied von einer Welt, in der er sich nie so recht wohl gefühlt hatte, stand unmittelbar bevor. Die ehemaligen Eigentümer jenes so eifrigen Samenfadens und der eher passiven Eizelle hatten schon vor längerer Zeit ihre Produktion eingestellt und waren bald darauf gestorben. Herr K. hatte gelegentlich versucht, seine Samenproduktion anzukurbeln, war damit aber bei den Eizellen erfolglos geblieben.
Heute stand bzw. lag er ganz allein in einer Welt, die auch nicht eine Sekunde aus dem Takt geriet, als er sich am Nachmittag, satt und still, aber nicht ganz sauber, auf seine letzte Reise begab. Sie war nicht sonderlich weit und führte zunächst in einen Abstellraum am Ende des Flures. Lernschwester Lisa hatte den soeben Verblichenen dort abgestellt und das Fenster weit geöffnet, da sie in Bezug auf bestimmte Gerüche immer noch etwas empfindlich reagierte. Im Übrigen war sie die Einzige, die nun so etwas wie Bedauern empfand. Hatte doch der jetzt so starre Leib vor nicht allzu langer Zeit unter ihren geschickten Händen gewisse Wohltaten erfahren. Diese führten, besonders bei einem bestimmten Körperteil, zu beeindruckenden Zuckungen, ja sogar manchmal zu einer erstaunlichen Höhe und Festigkeit! Diese für beide Seiten so angenehme Beziehung war nun leider unwiderruflich beendet und sie hatte jetzt ein Problem. Es gab da einen sehr agilen Herrn, mittlerweile schon in den "Neunzigern", der aber bei weitem nicht so großzügig war wie der verstorbene Herr K. Dieser Herr S. hatte ihr sogar mit einer Anzeige gedroht, wenn sie sich nicht auf einen Rabatt einlassen würde. Außerdem stellte er in maßloser Selbstüberschätzung perverse Forderungen, die über ihre übliche „Handarbeit“ sehr hinausgingen.
All diesen so menschlichen Überlegungen weit entrückt wurde der soeben Verblichene einer flüchtigen Untersuchung unterzogen und man bestimmte eine Kühlkammer im Keller zu seinem nächsten, allerdings nur befristeten Aufenthalt. Hierher verirrten sich nur selten Heimbewohner. Und wenn es doch einmal geschah, wurden sie von Heinz, dem Hausmeister, schnell wieder in ihre fast genauso ungemütlichen „Wartezimmer“ in den oberen Stockwerken geleitet. War ihre Zeit endgültig abgelaufen, wurden sie, diesmal aber in liegender Haltung, wieder von ihm hierher zurückgebracht.
Heinz war ein richtiger Tausendsassa. Er übte seinen Job schon lange Zeit aus und er war sehr erfinderisch, wenn es darum ging, sein nicht gerade fürstliches Gehalt aufzubessern. Seine derzeitige Freundin Lisa versorgte ihn mit präzisen und wichtigen Informationen über seine kühlen Gäste. Wenn jemand, wie z.B. unser Herr K., keine Angehörigen hatte und ein spurloses Ende im Verbrennungsofen bevorstand, ging er folgendermaßen vor. Zunächst wurde dem Toten eine Art Maulsperre verpasst. Sie war seine eigene Erfindung und erlaubte ein weitgehend unbeschränktes Hantieren mit einer speziellen Zange, die er für 51 Euro, incl. Mehrwertsteuer, über den einschlägigen Versandhandel erworben hatte. Die so fixierte Mundhöhle war dann weit geöffnet und im Schein einer billigen Taschenlampe konnte er ohne große Mühe das sehen, wonach er suchte. Der Rest war für den routinierten Leichenfledderer eine Kleinigkeit. Mit einer eleganten Drehung und gleichzeitigem Zug seiner Zange beförderte er so mehrere Goldzähne in einen kleinen Eimer. Das wurde jedesmal von einem zunächst knirschenden Geräusch, gefolgt von einem hellen Klingelton, begleitet. Dies war Musik in den Ohren des Hausmeisters und im Laufe der Zeit hatte er sich auf diese Weise einen schönen Vorrat an Zahngold verschafft. Die Idee zu seinem Nebenerwerb war ihm übrigens beim Besuch einer Holocaust-Ausstellung gekommen. Dort wurde anschaulich berichtet, wie die Schergen Hitlers diese Art von Goldgewinnung im großen Stil und mit staatlicher Billigung in den Konzentrationslagern betrieben hatten; wobei die Häftlinge zu dieser makabren Arbeit allerdings gezwungen wurden.
Heute war Heinz nicht ganz bei der Sache und er hatte Schwierigkeiten mit dem letzten Goldzahn, dem offenbar nicht daran gelegen war sich auf so brutale Weise von seinem angestammten Platz entfernen zu lassen. Schon mehrfach war die Zange abgerutscht und hatte dabei hässlich aussehende Spuren in der Mundhöhle verursacht. Der Fledderer bemerkte übrigens nicht, dass die vormals wächserne Gesichtsfarbe des Toten inzwischen einen frischen, rosafarbenen Ton bekommen hatte und der Körper sich leicht aufbäumte. Schwitzend und mit hochrotem Gesicht unternahm er einen letzten Versuch, diesen hartnäckigen Widerstand zu brechen. Die Fingerknöchel seiner gewaltigen Faust schimmerten weiß und die Adern traten deutlich hervor. Mit einem gewaltigen Ruck, verbunden mit einer diesmal nicht so eleganten Drehung, hatte er endlich Erfolg.
Was nun geschah, wird von Ohren- und Augenzeugen wie folgt beschrieben. Demnach soll ein gellender, nicht enden wollender Schrei auch den letzten Heimbewohner aufgeschreckt haben. Den herbeigelaufenen Insassen bot sich ein gespenstisches Bild. Johann K. stand hoch aufgerichtet in seinem viel zu langen Totenhemd vor seinem Bett. Die Maulsperre hatte seinen Mund, aus dem jetzt nur noch krächzende Laute kamen, unnatürlich weit geöffnet, was die grauenvolle Wirkung auf die Anwesenden noch erhöhte. Mit anklagender Gebärde zeigte er auf seinen Peiniger, der am Boden lag und dessen Gesicht inzwischen eine gelblich wächserne Färbung angenommen hatte. Dem im wahrsten Sinn des Wortes wieder Auferstandenen war offenbar völlig gleichgültig, dass er nun zum zweiten Mal einer Zange sein Leben verdankte. Er wollte es nicht mehr.


Text: Copyright by Fred Lang www.fred-lang.de
Zeichnung: Copyright by Michael Blümel
 
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Anmerkungen zur „Duldungsstarre“ bei weiblichen Schweinen
Mit weitreichenden Folgen- auch im zwischenmenschlichen Bereich!

Wie Eingeweihten bekannt, bewirkt ein Duftdrüsen-Sekret des Ebers bei brünstigen Säuen eine völlige Apathie. Für seine eindeutigen Absichten ist das eine sehr geeignete Verhaltensweise, kann er sich doch erst jetzt seiner immer schönen und auch so wichtigen Lieblingsbeschäftigung ungestört widmen. Es handelt sich hierbei um die so genannte Duldungsstarre.
Nach neuesten Forschungsergebnissen aus den USA steht nun eine auch im zwischenmenschlichen Bereich anwendbare Variante des schweinischen Duftstoffes in Kürze vor dem Durchbruch. Allerdings regen sich schon erste Proteste gegen die Markteinführung. Ethisch, moralische Bedenken sind auch angebracht, wenn man bedenkt, dass in der praktischen Anwendung dem menschlichen Eber nur wenige Tropfen genügen, um ungehemmt seinen schweinischen Trieben frönen zu können.
Nach allerneuesten Forschungsergebnissen - diesmal aus Belutschistan - arbeitet eine sehr engagierte Gruppe von Forscherinnen an der Extrahierung eines Duftdrüsen-Sekrets, nun aber vom weiblichen Schwein, welches dem schnüffelnden Eber Lustmangel und fehlende Empfängnisbereitschaft signalisiert. Bisher haben die Eber entsprechend reagiert und sind leicht frustriert davongezogen. Wie sich allerdings Versuchspersonen männlichen Geschlechts verhalten werden, ist noch nicht endgültig geklärt. Es steht zu vermuten, dass zumindest einigen Exemplaren dieser Gattung die vom Objekt ihrer Begierde vorgetäuschte Lustlosigkeit oder gar die mangelnde Empfängnisbereitschaft völlig schnuppe sind, und sie sich ganz auf die Wirkung ihrer eigenen, vermutlich teuren Tropfen, verlassen werden.
Nun ist es auch nicht jedermanns Sache, sich mit einer erstarrten und völlig apathischen Frau zu vergnügen. Und was einem Schwein recht ist, sollte auch einem Menschen billig sein. Was würde uns sonst von den im Übrigen recht sympathischen Tieren unterscheiden?
Inzwischen ist auch bekannt, dass das schweinische Herz dem menschlichen aus medizinischer Sicht sehr ähnelt; ja, dass sogar schon seine Transplantation von fortschrittlichen Chirurgen ins Auge gefasst wird. Bisher allerdings nur in einer Richtung: zum Wohle des menschlichen Patienten und nicht umgekehrt! Warum eigentlich nicht? Die Frage sei erlaubt, aus welchen ethischen oder moralischen Gründen man einem armen, herzkranken Schwein das lebensrettende menschliche Gegenstück nicht implantieren sollte. Zumal alle schweinischen Menschen ja sowieso schon ideale Voraussetzungen erfüllen und post mortem wenigstens einmal etwas Gutes bewirken könnten.
Man wird dann allerdings damit rechnen müssen, dass bestimmte eher wirtschaftlich orientierte Gruppen sich vehement gegen diese humane Idee wenden werden. Ich denke da natürlich in erster Linie an die Fleischwarenindustrie, die starke Umsatzeinbußen befürchten muss. Wer isst noch Schweinefleisch, wenn in der Brust des ermordeten Tieres ein menschliches Herz geschlagen hat? Im umgekehrten Fall könnten nur Kannibalen die Frage definitiv beantworten, die aber schon rein zahlenmäßig für die Industrie nicht so wichtig sind.
Wie man sieht, ist das ganze Thema sehr komplex und meine Anmerkungen dazu sind nur als kleines Mosaiksteinchen im großen Puzzle gedacht. Vielleicht ist eine verständnisvollere Einstellung gegenüber unseren schweinischen Artgenossen ja ein erster Schritt zur Annäherung.


Fred Lang

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